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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Ein
paar Wochen nachdem ein Taifun ihm das komplette Versuchsfeld
abgeräumt hat, hockt Parminder Virk auf einem Plastikstuhl im
Gewächshaus CS-07-00 und will zeigen, wie die Revolution
funktioniert. Vor ihm auf dem Tisch steht ein leeres Marmeladenglas,
in der Hand hält er eine Nagelschere.
Virk
leitet die Zuchtabteilung am Internationalen Reisforschungsinstitut
in Los Baños, zwei Autostunden von Manila entfernt. Knapp drei
Milliarden Menschen weltweit ernähren sich von Reis, denn Reis ist
billig und macht satt. Virks Job ist es, neue Sorten zu züchten,
Sorten, die noch widerstandsfähiger sind gegen Schädlinge und
Krankheiten, Nässe und Dürre. Virk soll dafür sorgen, dass der
Menschheit der Reis nicht ausgeht.
Die
Türen von CS-07-00 sind vergittert. Vorn rechts gibt es eine Kammer
für die Aufpasser, Besucher müssen sich am Eingang in ein Buch
eintragen. Die Leute vom Reisforschungsinstitut wollen keine Fehler
machen, nicht so kurz vor dem Ziel.
Virk
zieht eine Reispflanze zu sich heran und fängt an, das obere Viertel
der Blüten mit der Nagelschere abzuschneiden. Reis ist, wie viele
Pflanzen, ein Zwitter. "Unsere Aufgabe als Züchter besteht
darin, die Selbstbefruchtung zu verhindern", sagt Virk. "Deshalb
müssen wir den Reis kastrieren."
In
jeder Blüte wachsen sechs winzige Staubbeutel, sie enthalten die
Pollenkörner. Virk zupft die Staubbeutel mit einer Pinzette
vorsichtig heraus und lässt sie in das Marmeladenglas fallen.
Vor
kurzem wurde seine Arbeit auf eine neue Stufe katapultiert. Zwei
deutschen Forschern, unterstützt von Universitäten in Zürich und
Freiburg, war es gelungen, einen Reis zu entwickeln, der Betacarotin
enthält, eine Vorstufe des lebenswichtigen Vitamin A; Betacarotin
wird deshalb auch Provitamin A genannt. Sie hatten ihm Gene
eingebaut, die im Reis nicht vorkommen, das war das Revolutionäre
daran. Parminder Virk, 50 Jahre alt, soll den Genreis jetzt in lokale
Sorten einkreuzen, er soll die Revolution weitertragen in die Dritte
Welt, dorthin, wo die Menschen an Vitamin-A-Mangel leiden, weil der
Reis, den sie essen, zwar alles Mögliche, aber leider kein Vitamin A
enthält.
Virk,
so sehen es seine Forscherkollegen, ist ein Pionier. Virk, sagen
seine Gegner, ist ein Handlanger, ein nützlicher Idiot der
Gentechnik-Industrie.
Parminder
Virk springt auf und läuft an das andere Ende des Gewächshauses. Es
ist oben offen, ein feinmaschiges Netz soll verhindern, dass Insekten
hineingelangen. Das Reisforschungsinstitut liegt in einer sattgrünen
Ebene, von Vulkanen umstanden, auf Virks Stirn bilden sich
Schweißtropfen. Er stoppt vor ein paar Reihen Reis, die ihm der
Schweizer Agrokonzern Syngenta geliefert hat.
Die
Syngenta-Leute haben dem Reis das Gen einer Maispflanze eingesetzt.
Mais produziert Betacarotin, deshalb sind seine Körner gelb. Der
Reis, den Virk züchtet, wird ebenfalls gelb sein. Es ist ein
besonderer Reis, kein Züchter der Welt würde ihn durch bloßes
Kreuzen hinbekommen. 2011, spätestens 2012 soll der "Goldene
Reis" auf den Philippinen zugelassen werden, Bangladesch soll
kurz darauf folgen - für viele Menschen auf der Erde ein Segen, für
fast ebenso viele eine Bedrohung.
Mit
dem Goldenen Reis nämlich steht die Nahrungsmittelproduktion an
einer Schwelle: Zum ersten Mal soll die gentechnische Veränderung
einer Nutzpflanze nicht den Erzeugern zugutekommen, sondern den
Konsumenten.
Das
ist der Fortschritt, den diese Revolution verspricht. Denn Vitamin A
unterstützt das Knochenwachstum und fördert die Sehkraft, es hält
Haut und Schleimhäute gesund und macht den Körper damit
widerstandsfähig gegen Infektionen. Mehrere hundert Millionen
Menschen leiden weltweit unter Vitamin-A-Mangel, viele von ihnen
werden blind, etwa zwei Millionen sterben jedes Jahr an den Folgen.
Jetzt
werde mit dem Goldenen Reis das wichtigste Grundnahrungsmittel der
Erde gentechnisch verändert, auf eine Weise, die irreversibel sei:
Das ist die Gefahr, die die Gegner beschwören, eine Gefahr,
behaupten sie, die zum Fluch werden könnte.
Der
Goldene Reis spaltet die Welten, weil er für einen Grundkonflikt
steht: zwischen den Hoffnungen der Dritten und den Ängsten der
Ersten Welt, zwischen Forschern und Forschungskritikern, zwischen
Hilfsorganisationen und Milliardenkonzernen, zwischen Optimisten, die
die Natur verbessern wollen, und Zurück-zur-Natur-Romantikern.
Zwischen zweierlei Arten von Menschenfreunden also.
Das
Irritierende an diesem Konflikt: Die Einwände der Kritiker scheinen
genauso gut begründet zu sein wie die Antworten der Befürworter;
wer den Argumenten beider Parteien lange genug zuhört, hält
irgendwann beides für möglich, die Verheißung und die Apokalypse.
Ende
April hat Virk mit einem Feldversuch begonnen, es war der erste in
Asien überhaupt. Er kreuzte die lokale Langkorn-Sorte IR64 mit dem
gentechnisch veränderten Reis. Er wollte sehen, ob der neue Reis im
Freien hielt, was er im Gewächshaus versprochen hatte. Dann kam der
Taifun. Virk hatte bis dahin immerhin genug Daten gesammelt, um zu
wissen, dass sie auf dem richtigen Weg waren.
Der
Goldene Reis, in diesem Punkt sind sich beide Seiten ausnahmsweise
einig, ist ein Anfang, ein Türöffner. Längst wird in
Forschungslaboren überall auf der Welt daran gearbeitet, dem Reis
auch andere Gene einzusetzen, Gene, die ihn Eisen aufnehmen lassen
oder Zink, die ihn immun machen gegen Insekten wie den gefräßigen
Reisstengelbohrer oder gegen die gefürchtete Weißblättrigkeit.
Wenn
die Menschen den Goldenen Reis akzeptieren, heißt es, dann ist
vieles möglich.
Parminder
Virk ist im nordindischen Punjab aufgewachsen, als Sohn eines
Reisbauern. Er weiß, dass viele Europäer dem Genreis misstrauen,
dass sie Angst haben vor ihm.
"Die
Menschen in Europa haben genug zu essen", sagt er. "Sie
brauchen den Goldenen Reis nicht. Warum sollten sie sich darüber
ernsthaft Gedanken machen?" Virk lächelt fein. "Ihr in
Europa habt doch gar keine Ahnung, was Menschen anderswo wirklich
brauchen."
Über
10 000 Kilometer von Virk entfernt, in einem klimatisierten Büro am
Hamburger Hafen, organisiert Jan van Aken den Kampf gegen den
Goldenen Reis, den er aus Prinzip "gelben Reis" nennt. Der
Zellbiologe ist bei Greenpeace International für Gentechnik
zuständig. Für van Aken war der Goldene Reis von Anfang an "eine
Scheißidee".
Vor
acht Jahren, als die ersten Berichte über den neuen Wunderreis
eintrafen, habe man bei Greenpeace "relativ ergebnisoffen"
diskutiert. Bot der Goldene Reis einen Anlass, neu über Gentechnik
nachzudenken? War es möglich, dass es gute Gentechnik gab und
schlechte? "Wenn die Chancen überwiegen", sagt van Aken,
"dann ist das eben so. Am Ende geht's um den Menschen."
Van
Aken befürchtet, dass der Genreis, würde er tatsächlich angebaut,
vorhandene Reissorten bestäubt, sich immer mehr vermischt, die
anderen Sorten gleichsam verseucht, so lange, bis es keinen Reis mehr
auf Erden gibt, der nicht das Maisgen in sich trüge.
Und
wer, sagt van Aken, garantiere dann, dass der gentechnisch veränderte
Reis nicht auf großer Fläche versage, bei starker Hitze etwa? Es
bestehe die Gefahr, "dass Reis als Grundnahrungsmittel vom
Erdboden gespült wird".
Natürlich
haben sie bei Greenpeace einen Beleg für diese Behauptung, wie sich
überhaupt für jedes Argument in diesem Konflikt ein Beispiel finden
lässt, das passt, wenigstens ungefähr.
Von
1998 bis 2001 hatte die Firma CropScience in den USA genveränderten
Reis im Freiland angepflanzt, zu Versuchszwecken. Fünf Jahre später
musste der Bayer-Konzern, der CropScience übernommen hatte, zugeben,
dass der Genreis ausgekreuzt hatte.
Zwei
Arten von Risiken gebe es, sagt van Aken: solche, die sich managen
lassen, und solche, die sich nicht managen lassen. "Vorsorgeprinzip
heißt: Ich darf nichts machen, was ich nicht wieder in den Griff
kriegen kann. Wenn die Gentechnik erst einmal auf dem Acker ist,
kommt sie nie wieder zurück."
Er
habe darüber nachgedacht, sagt Ingo Potrykus, Greenpeace zu
verklagen. Potrykus, mittlerweile fast 76 Jahre alt, ist einer der
beiden Erfinder des Goldenen Reises, er sitzt auf der Terrasse seines
Hauses in Magden, ein paar Kilometer außerhalb von Basel, weit geht
der Blick übers Tal. Der Goldene Reis ist zu seinem Lebensthema
geworden. Alles ist so einfach - und gleichzeitig so kompliziert.
Oben,
in seinem Arbeitszimmer, hat Potrykus das gerahmte Titelbild des
amerikanischen "Time"-Magazins vom 31. Juli 2000
aufgehängt. Er selbst ist darauf zu erkennen, ein freundlicher
älterer Herr mit Kinnbart, offenbar steht er mitten in einem
Reisfeld. "This Rice Could Save a Million Kids a Year"
lautete die Schlagzeile. In höchstens drei Jahren, dachte Potrykus
damals, werde der Goldene Reis auf dem Markt sein.
Dass
es seinen Reis noch immer nicht zu essen gibt, dass Jahr für Jahr
Zehntausende Kinder an den Folgen des Vitamin-A-Mangels sterben,
dafür macht Potrykus vor allem Greenpeace verantwortlich. Bevor eine
genetisch veränderte Nutzpflanze zugelassen werde, sagt Potrykus,
gebe es Versuche, Labortests, Studien, zu beachten seien eine Menge
Regeln und Vorschriften. Sie sind streng, viel strenger als bei der
herkömmlichen Züchtung. Niemand will in der Gentechnik einen Fehler
machen, auch die Konzerne nicht.
Pflanzenzüchtung,
sagt Potrykus, ziele immer auf die genetische Veränderung der
Pflanze. "Beinahe alle Nutzpflanzen, die wir kennen, sind
genetisch verändert. Es ist nicht unsere Funktion im biologischen
System, die Natur einfach hinzunehmen. Der Mensch hat nur überlebt,
weil er die Evolution nicht akzeptiert hat, weil er die Evolution
selbst in die Hand genommen hat. Pflanzenzüchtung ist der direkte
Eingriff des Menschen in die Evolution."
Für
Potrykus gibt es eine moralische Verpflichtung, den Goldenen Reis auf
den Markt zu bringen, jetzt, da es ihn gibt. Die Argumente von
Greenpeace sind für ihn "romantische Träumereien",
gespeist aus einer verqueren Zurück-zur-Natur-Sehnsucht. "Alles
wäre einfacher, wenn sie mit dem Goldenen Reis erreichen könnten,
dass ein blindes Kind wieder sehend wird. Aber zu verhindern, dass
ein Kind blind wird, ist sehr schwer nachzuweisen."
Peter
Beyer, Potrykus' Partner bei der jahrelangen Suche nach dem Goldenen
Reis, hat sein Büro auf der anderen Rheinseite, am Institut für
Biologie an der Universität Freiburg. Die beiden lernten sich 1992
kennen, auf einer Tagung in New York. Beide faszinierte die Aussicht,
eine Reissorte zu entwickeln, die Provitamin A enthielt, jeder der
beiden konnte etwas, das dem anderen fehlte.
Beyer,
schulterlange graue Haare, Schnurrbart, sieht müde aus. Weil er den
Goldenen Reis ständig rechtfertigen muss, hat er auf seinem Computer
eine Präsentation vorbereitet.
Das
Reiskorn, sagt er, braucht sieben Enzyme, um Betacarotin zu
produzieren. Auf dem Bildschirm ist ein Fließband zu erkennen, vor
dem sieben Fabrikarbeiter hocken, Männer und Frauen. Beyer hat sie
durchnummeriert, E1 bis E7, die sieben Arbeiter stehen für die
sieben Enzyme.
Leider
besitzt das Reiskorn nur vier der notwendigen Enzyme, sagt Beyer.
Drei fehlen. Wenn drei von den sieben Arbeitern nicht zur Arbeit
erscheinen, sagt er und stützt sich mit den Füßen auf dem
Papierkorb ab, dann können die vier anderen nichts produzieren.
Es
ist eine Präsentation für Laien, für Journalisten und Politiker;
alles sieht so simpel aus, dass sogar Minister mit dem Gefühl nach
Hause fahren, die Grundlagen der Biochemie verstanden zu haben.
Wenn
drei Enzyme fehlen, ruft Beyer und wirbelt auf seinem Stuhl herum,
muss man sie heranschaffen. Leider kommt Betacarotin in der Natur im
Reiskorn nicht vor. Es gibt darum keine Möglichkeit, den gewünschten
Effekt durch Kreuzungen zu erzielen. Also kamen Beyer und Potrykus
auf die Idee, sich die notwendigen Gene für diese Enzyme bei anderen
Organismen zu holen. Ihre Wahl fiel auf die Osterglocke, Narcissus
pseudonarcissus, und auf ein Gen des Bakteriums Erwinia uredovora.
Der
Weg, auf dem dieser Transfer passiert, ist kompliziert, man muss ihn
nicht vollständig verstanden haben, um trotzdem der Meinung zu sein,
dass den beiden etwas Aufregendes gelungen ist: ein Reis, der die
Menschen in der Dritten Welt nicht nur satt, sondern gesund machen
würde. Es gab damals nicht wenige unter Beyers und Potrykus'
Kollegen, die davon überzeugt waren, dass eine solche Leistung den
Nobelpreis verdient hätte.
Am
Anfang gab es beim Goldenen Reis Streit darüber, wie viel
Betacarotin tatsächlich im Reis vorhanden sei und wie viel davon der
Körper aufnehmen könne. 2001 lud Greenpeace deshalb auf den
Philippinen zu einer Pressekonferenz ein.
Man
habe ausgerechnet, sagte ein Greenpeace-Sprecher in die versammelten
Mikrofone und Kameras, wie viel Goldenen Reis ein Kind am Tag essen
müsse, um seinen Tagesbedarf an Vitamin A zu decken. Dann stand er
auf und schüttete neun Kilo Reis auf den Tisch. Beyer und Potrykus
ahnten, dass es nicht leicht werden würde.
Um
den Beta-Carotin-Gehalt zu erhöhen, wurde später das Gen der
Osterglocke durch ein Maisgen ersetzt. Der Gehalt an Betacarotin
stieg um das 23fache, aber die Skepsis blieb.
Wobei
noch zu klären ist, ob die Menschen tatsächlich ihren kompletten
Tagesbedarf über den Reis decken müssen. Oder wie viel Betacarotin
notwendig ist, um überhaupt eine Wirkung zu haben.
Ihn
störe, in Europa, in Deutschland, die grundsätzliche Einstellung zu
Risiken, sagt Beyer. Organisationen wie Greenpeace nutzten die
allgemeine Risikoscheu und schüfen ein Klima der Nervosität.
Niemand frage nach dem Nutzen einer gentechnischen Veränderung.
2003
trat das sogenannte Cartagena-Protokoll in Kraft, ein Abkommen
zwischen mehr als 140 Staaten, es soll den Umgang mit gentechnisch
veränderten Organismen regeln. Beyer hat sich den Text genau
angesehen. "Das Wörtchen ,risk' taucht darin 48-mal auf, das
Wort ,benefit' ein einziges Mal, in der Einleitung", ruft er.
"Das ist doch Wahnsinn."
Beyer
und Potrykus wissen, dass es ohne die Bauern in den
Entwicklungsländern nicht gehen wird, wenn ihr Reis ein Erfolg
werden soll. Dass ihr Projekt scheitert, wenn die Reisfarmer auf den
Philippinen, in Vietnam und Bangladesch sich weigern, den gelben Reis
anzubauen.
Sie
wissen auch, dass es von Männern wie Chito Medina abhängt, ob aus
der revolutionären Idee tatsächlich eine Revolution wird.
Medina,
kariertes Hemd, schmaler schwarzer Schnurrbart, steht draußen vor
seinem Büro in Los Baños, ein paar hundert Meter Luftlinie vom
Reisforschungsinstitut entfernt, hinter ihm lehnt ein riesiges
Ölgemälde an der Wand.
Medina
ist Bauernfunktionär, er berät Reisfarmer, schult sie ökologisch
und natürlich auch politisch. Seine Organisation Masipag vertritt 35
000 Farmer. Das Ölgemälde an der Wand lässt erahnen, wie Medina
die Welt sieht.
Demonstranten
sind darauf zu erkennen, Menschen aus verschiedenen Ländern, mit
unterschiedlichen Hautfarben, darüber Forscher, die einen prächtigen
Maiskolben umstehen. In der Mitte des Bildes, Racheengeln gleich,
schwebt eine Heerschar Empörter durchs Bild; ihr Zorn richtet sich
gegen einen Mann im schwarzen Anzug, der sich, neben zwei prallen
Geldsäcken, vor einem hässlichen grauen Maiskolben aufgebaut hat:
ein Vertreter der Firma Monsanto, Weltmarktführer bei genverändertem
Saatgut, Weltmarktführer auch bei genverändertem Mais.
Medina
und seine Leute haben gegen Monsanto demonstriert, sie haben zum
Boykott des US-Konzerns aufgerufen, Medina warnt vor
Monsanto-Produkten, wo immer er vor seinen Bauern auftritt.
Im
Grunde, sagt Medina, sind fast alle Argumente, die wir gegen den
Genmais gesammelt haben, auf den Goldenen Reis übertragbar.
Für
Medina ist der Goldene Reis ein "trojanisches Pferd", der
Versuch von weltweit tätigen Konzernen, die Gentechnik zu
etablieren. Das Image der Gentechnik-Konzerne sei schlecht, sagt er.
Goldener Reis sei gut, jedenfalls behaupten das seine Erfinder. Die
Konzerne hofften, dass sich ihr Image bessere, wenn der Goldene Reis
auf den Markt käme.
Dabei,
sagt Medina, ist nicht der Mangel an Vitamin A das größte Problem,
sondern die Armut in der Dritten Welt. Selbst wenn die Menschen
genügend Vitamin A erhielten, könnte ihr Organismus damit nichts
anfangen, weil sie gleichzeitig zu wenig Fett bekämen. Fett ist vor
allem in Fleisch vorhanden, und arme Menschen, sagt Medina, können
sich Fleisch nun einmal nicht leisten.
Er
hat gehört, dass der Goldene Reis Bauern umsonst zur Verfügung
gestellt werden soll, die im Jahr weniger als 10 000 Dollar
verdienen, das sind fast alle, die bei Masipag organisiert sind. Er
hat auch gehört, dass Syngenta dafür auf Patent- und Lizenzgebühren
verzichten will.
Medina
misstraut solchen Meldungen, weil er Firmen wie Syngenta misstraut.
Die Grüne Revolution, die seit den sechziger Jahren in den Ländern
der Dritten Welt zu höheren Erträgen, aber auch zu höheren Kosten
für Dünger und Pestizide führte, hat bei den Bauern ein tiefes
Misstrauen gegen europäische und amerikanische Konzerne
hinterlassen, gegen Konzerne überhaupt.
Der
Goldene Reis ist nicht für den europäischen Markt entwickelt
worden, sagt Medina. Er sei der Versuch des Nordens, die Probleme des
Südens zu lösen. "Sind die Menschen in der Dritten Welt die
Versuchskaninchen für die Erste Welt?"
Länder
wie die Philippinen, sagen die Kritiker des Goldenen Reises, hätten
den Vitamin-A-Mangel inzwischen unter Kontrolle. Zweimal im Jahr
würden den Menschen Vitamin-A-Tabletten verabreicht, es gebe kaum
noch Blinde und viel weniger Tote als noch vor Jahren. Außerdem
enthielten genug einheimische Pflanzen Vitamin A. Man müsse den
Menschen einfach erklären, wie man Obst und Gemüse zu Hause anbauen
kann.
Überhaupt
sei weißer Reis, geschält und poliert, in den Ländern Asiens ein
Wohlstandssymbol. Kaum jemand werde freiwillig gelben Reis essen.
Wissenschaftler
der Universität Hohenheim haben am Beispiel Indiens untersucht,
welchen Nutzen Goldener Reis tatsächlich hätte. Von den 140
Millionen Kindern, die weltweit an Vitamin-A-Mangel leiden, leben
schätzungsweise 35 Millionen in Indien; jedes Jahr sterben dort über
70 000 Kinder unter sechs Jahren an den Folgen des Vitamin-A-Mangels.
Die
Wissenschaftler entwarfen zwei Szenarien: ein "pessimistisches"
und ein "realistisch-optimistisches". Im ersten Fall würden
5000 Kinderleben im Jahr gerettet, im zweiten Szenario fast 40 000.
Natürlich
wollen Gesundheitsökonomen wissen, was es kostet, ein Menschenleben
zu retten. Das international übliche Maß dafür ist das "Disability
Adjusted Life Year", abgekürzt Daly. Ein Daly entspricht einem
verlorenen gesunden Lebensjahr.
Sie
errechneten 19,40 Dollar pro Daly und Person im pessimistischen
Szenario und ganze 3 Dollar im realistischen. Das Ergebnis war
besser, als Beyer und Potrykus gehofft hatten. Nach den Standards der
Weltbank gelten bereits weniger als 200 Dollar pro Daly als
kosteneffektiv.
Die
Fragen, die bleiben, sind grundsätzliche Fragen. Muss man, um
dauerhaft zu helfen, tatsächlich die Gewohnheiten der Menschen
ändern - oder darf man mit der Nahrung anfangen, weil jede
Veränderung besser ist als Stillstand? Darf man die Symptome der
Armut bekämpfen, solange sich die Ursachen nicht beseitigen lassen?
Nimmt man die Welt, wie sie ist - oder wie sie sein soll?
Joselito
und Molina Monico haben fünf Kinder, alles Jungen. Sie wohnen in
Manila, im Stadtteil Tondo, ein paar Straßen von einer der größten
Müllhalden der Stadt entfernt. Italienische Fratres haben in ihrem
Viertel eine Suppenküche eingerichtet; jeden Wochentag gegen neun
Uhr morgens warten Mütter mit ihren Kindern darauf, dass Helfer
ihnen eine warme Mahlzeit auf den Tisch stellen. Die fünf Kinder der
Monicos wurden von einem Arzt untersucht und sofort in das kirchliche
Programm aufgenommen.
Die
Familie lebt in einer Seitengasse, in einem Raum, der Platz bietet
für ein Holzschränkchen und eine Matratze auf dem Fußboden. Kein
fließendes Wasser, keine Toilette, kein elektrischer Strom.
Joselito
Monico, der Vater, arbeitet als Bote, am Tag verdient er rund 100
Pesos, umgerechnet 1,60 Euro. Das reicht für Reis, sagt Joselito,
und ab und an für galungo, den billigsten Fisch auf dem Markt.
Dominador,
der älteste seiner Söhne, ist 16 und sieht aus, wie 9; Jefferson,
der Neunjährige, hat die Statur eines Vierjährigen.
Bekommen
sie Vitamin A von der Regierung? Keine Ahnung, sagt Joselito Monico.
"Bei uns war niemand."
Bauen
sie Gemüse in einem eigenen Garten an?
"Wir
wohnen im zweiten Stock."
Auf
den Philippinen hat im vergangenen Jahr eine Aktion gegen Genreis
gestartet. Greenpeace-Mitglieder verteilen Aufkleber, Prominente wie
die "Miss Philippinen 2007" werben dafür, dass Restaurants
nur Reis verwenden, der gentechnisch nicht verändert wurde.
Die
Monicos haben von dieser Kampagne nichts mitbekommen. Sie waren noch
nie in einem Restaurant, das Wort Gentechnik sagt ihnen nichts, von
Greenpeace haben sie noch nie gehört.
Würden
Sie Reis essen, der Vitamine enthält, selbst wenn dieser Reis gelb
wäre?
"Wir
würden alles essen", sagt Joselito Monico und blickt seine Frau
an. "Egal welche Farbe. Hauptsache, wir überleben."
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